Baby abhalten: Unsere Erfahrung mit Windelfrei ab dem ersten Tag

Baby abhalten heißt: das Kind über Waschbecken, Töpfchen oder Klo halten, statt es in die Windel machen zu lassen. Wir haben in der ersten Nacht im Krankenhaus damit angefangen. Das hier ist unsere Erfahrung. Es war die erste Nacht im Krankenhaus. Emil war ein paar Stunden alt, Chrissi hat geschlafen, und ich stand mit unserem Sohn auf dem Arm über dem Waschbecken. Und dann passierte genau das, worauf ich gehofft hatte: Er machte sein Geschäft. Nicht in die Windel – sondern dorthin, wo ich ihn hingehalten hatte.

Kindspech, dieses zähe, fast schwarze Zeug, das Neugeborene in den ersten Tagen ausscheiden. Statt es später mühsam aus einer Windel zu bekommen, war es einfach weg.

Ich stand da und dachte: Das funktioniert wirklich.

Wie wir überhaupt davon erfahren haben

Von einer Arbeitskollegin. Sie hatte bei ihrer Tochter einiges aus dem Buch artgerecht von Nicola Schmidt umgesetzt – unter anderem das Abhalten von Anfang an.

Sie hat erzählt, wie schnell ihre Kleine wirklich windelfrei war. Dass sie nachts nicht ins Bett gemacht hat. Und vor allem: dass die Kleine klare Signale gegeben hat, wenn sie musste – die beiden sind dann einfach zusammen aufs Klo gegangen, und das war’s.

Was mich daran gepackt hat, war nicht die Windelersparnis. Es war die Beschreibung dieser Selbstverständlichkeit. Kein Kampf, kein Töpfchentraining mit zweieinhalb, kein Streit. Als das Töpfchen später dazukam, war es kein Thema mehr – es passte einfach in eine Routine, die längst da war.

Ich habe mir das Buch besorgt und angefangen zu lesen, bevor Emil da war.

Das Buch, um das es geht: artgerecht – Das andere Baby-Buch von Nicola Schmidt

Der Gedanke, der mich überzeugt hat

Beim Lesen ist bei mir ein Gedanke hängengeblieben, und der hat den Ausschlag gegeben.

Wir sind Primaten. Wir teilen Vorfahren mit den anderen Menschenaffen, und deren Junge tragen keine Windeln. Sie werden getragen – den ganzen Tag, direkt am Körper der Mutter. Ein Affenjunges, das seine Mutter ständig beschmutzt, wäre ein Problem für beide.

Also passiert etwas anderes: Das Junge zeigt auf seine Weise an, dass es muss. Die Mutter hält es weg vom Körper. Der Kontakt ist kurz unterbrochen – und genau dann verrichtet das Junge sein Geschäft.

Und dann habe ich gedacht: Nichts anderes machen wir doch bei unseren Babys. Wickeltisch, Windel auf – und was passiert in gefühlt jedem dritten Fall? Es geht los. Nicht weil das Kind uns ärgern will. Sondern weil genau dieser Moment das Signal ist: nackter Po, freie Luft, keine Windel dazwischen.

Wir haben unseren Kindern nie beigebracht, in die Windel zu machen. Wir haben ihnen nur nie die Gelegenheit gegeben, es anders zu tun.

Zur Einordnung: Diesen Vergleich mit anderen Primaten habe ich so verstanden und er hat für uns Sinn ergeben. Wissenschaftliche Studien, die das im Detail belegen, habe ich nicht gefunden. Für uns war es der Anstoß – kein Beweis.

Das Signal: warum wir „Uhhhh“ sagen

Ein Punkt, den ich unterschätzt hatte: Es geht nicht nur darum, das Kind über das Waschbecken zu halten. Es geht darum, dass daraus für das Kind eine erkennbare Situation wird.

Wir haben deshalb von Anfang an ein Geräusch dazugenommen: ein langgezogenes „Uhhhh“. Immer dasselbe, immer im selben Moment.

Die Idee dahinter ist einfach. Emil bekommt jedes Mal dasselbe Paket: die Haltung, die freie Luft am Po – und dieses Geräusch. Drei Signale, die immer zusammen auftreten. Irgendwann reicht eines davon.

Welches Geräusch ihr nehmt, ist völlig egal. Manche machen „psss“, manche pfeifen leise. Wichtig ist nur: immer dasselbe, und nur in diesem Zusammenhang. Wer „Uhhhh“ auch beim Spielen sagt, verwässert das Signal.

Wie das im Alltag aussieht

Wir halten Emil nicht rund um die Uhr ab. Das wäre für uns nicht machbar. Was wir machen, sind die Momente, in denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist:

  • direkt nach dem Aufwachen
  • nach dem Stillen oder der Flasche
  • beim Wickeln, bevor die frische Windel drankommt
  • wenn er unruhig wird, sich windet oder anders quengelt als sonst

Diese Situationen trifft man ziemlich verlässlich, auch ohne besondere Beobachtungsgabe. Alles andere kommt mit der Zeit – oder eben nicht, und dann fängt die Windel es auf.

Windeln sind eine ziemlich junge Erfindung

Frag mal deine Uroma, wie das damals war. Ich habe es gemacht, und die Antwort war ungefähr: „Na, man hat sie halt abgehalten.“

Das ist keine Nostalgie, das lässt sich nachlesen. Das Alter, in dem Kinder weltweit ohne Windel auskommen, ist von etwa anderthalb bis zwei Jahren in den 1950er-Jahren auf heute drei bis dreieinhalb Jahre gestiegen. In derselben Zeit ist die Wegwerfwindel zum Standardprodukt geworden.

In großen Teilen Asiens und Afrikas ist es bis heute üblich, Babys abzuhalten statt zu wickeln. Was bei uns exotisch klingt, ist global gesehen nichts Besonderes.

Ich will der Windelindustrie nichts unterstellen. Aber der Zusammenhang ist schwer zu übersehen: Je selbstverständlicher die Wegwerfwindel wurde, desto später wurden Kinder trocken.

Was die Forschung dazu sagt – und wo sie widerspricht

Weil ich das ehrlich halten will: Windelfrei ist nicht unumstritten, und du solltest beide Seiten kennen.

Was dafür spricht: In Untersuchungen zu Windelfrei lag das durchschnittliche Alter für Trockenheit am Tag bei rund 17 Monaten – deutlich früher als der heutige Durchschnitt. Eine Auswertung von zehn Studien mit über 24.000 Kindern fand Hinweise darauf, dass ein früherer Beginn mit besserer Blasen- und Darmfunktion zusammenhängt. Außerdem gibt es Belege, dass Babys, die viel Zeit ohne Windel verbringen, seltener wunde Haut haben.

Was dagegen spricht: Kinderärztliche Fachleute weisen darauf hin, dass Säuglinge unter etwa zwölf Monaten keine willentliche Kontrolle über Blase und Darm haben.

Meine ehrlich Meinung dazu: Das stimmt nicht. Was in den ersten Monaten passiert, ist , Emil Hat seine Routinen und Pullert meist in den gleichen Zeitfenstern. Er hat gelernt sich zu beherrschen. Was passiert ist: Wir haben unser Timing aufeinander abgestimmt. 

Das nimmt der Sache nichts. Es beschreibt nur genauer, was da abläuft. Und es erklärt, warum es manchmal nicht klappt – nicht weil das Kind versagt, sondern weil ich den Moment verpasst habe.

Was ihr dafür braucht

Ehrliche Antwort: fast nichts. Ein Waschbecken reicht in den ersten Wochen völlig. Trotzdem gibt es zwei Dinge, die uns den Alltag deutlich leichter gemacht haben.

Ein Abhaltetöpfchen

Über dem Waschbecken abzuhalten geht – aber nur, solange das Kind leicht ist und ihr in Reichweite eines Waschbeckens seid. Ein kleines Töpfchen mit hohem Rand könnt ihr überall hinstellen: neben das Bett, aufs Sofa, mit in den Urlaub. Bei uns hat das den Unterschied gemacht zwischen „machen wir, wenn es passt“ und „machen wir wirklich“.

Achtet auf einen stabilen Stand, eine glatte Innenfläche und einen Rand, der nicht drückt. Alles andere ist Beiwerk.

Abhaltetöpfchen

Baumwollwindeln

Das klingt erst mal widersprüchlich – Windeln bei einem Artikel über Windelfrei. Ist es aber nicht.

Wir halten nicht rund um die Uhr ab. Zwischendurch braucht Emil etwas, das auffängt, was danebengeht. Und dafür sind einfache Baumwollwindeln unschlagbar: Sie sind schnell auf und schnell ab – was beim Abhalten der entscheidende Punkt ist. Eine Wegwerfwindel mit Klebestreifen bremst dich jedes Mal ein paar Sekunden aus. Bei einer Mullwindel oder einer einfachen Stoffwindel bist du sofort dran.

Dazu kommt: Das Kind spürt die Nässe. Genau das ist beim Abhalten kein Nachteil, sondern der Punkt. Es gibt eine Rückmeldung.

Baumwollwindeln

Teilzeit-Windelfrei: der Weg, den wir wirklich gehen

Ich will hier keinen falschen Eindruck erwecken. Emil hat eine Windel. Oft. Es gibt Tage, an denen wir kaum abhalten, weil einfach zu viel los ist.

Das ist kein Scheitern, sondern der Normalfall. Für die allermeisten Familien ist die Kombination aus Abhalten und Windel die einzige Variante, die im Alltag funktioniert – mit Job, Einkaufen, Autofahrten und Besuch.

Wenn du also nach diesem Artikel denkst „schön für euch, aber bei uns geht das nicht“ – dann fang mit einem einzigen Moment am Tag an. Morgens nach dem Aufwachen. Das ist der Zeitpunkt mit der höchsten Trefferquote und kostet dich zwei Minuten.

Mehr dazu: Teilzeit-Windelfrei: der realistische Mittelweg [INTERNER LINK]

Unser Fazit

Wir sind eine Familie, mit einem Kind, mit einer Erfahrung. Das ist kein Beweis für irgendwas, und ich will hier niemandem erzählen, dass es bei euch genauso läuft.

Was ich sagen kann: Es hat uns eine Menge Windeln gespart. Es hat uns eine Art von Aufmerksamkeit für Emil beigebracht, die ich sonst nicht entwickelt hätte. Und dieser Moment im Krankenhaus, in der ersten Nacht, gehört zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde.

Der Einstieg kostet nichts. Ein Waschbecken, ein Geräusch, ein bisschen Geduld. Wenn es nicht klappt, habt ihr nichts verloren.

Wenn es klappt, ziemlich viel gewonnen.

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